Schwarz, schwarz, silber, grau – Farbenlehre mit Automobilen

M malt eine gelbe Sonne, einen blauen Himmel, einen Baum mit grüner Krone. Die Männchen tragen bunte Sachen, die Schmetterlinge schillern ebenfalls. Auf den Bildern vom „Fantasieland“ darf es sich farblich anders verhalten – aber auch nur da. Ihr Stil sind fett bemalte Flächen, die Farben leuchten um die Wette. H malt „Krikelakrak“. Er schafft es wegen der schlechten Feinmotorik nicht, den Stift mit Schmackes aufzudrücken. Entsprechend blass sind seine Bilder.
H braucht einen anderen Zugang zur Farbigkeit. Den schafft er sich!

Farben sammeln auf dem Bürgersteig

Vor knapp drei Jahren waren zwei Frauen vom Mobilen Dienst Sehen bei uns zu Hause. Das sind Mitarbeiterinnen der Schule für Sehen und visuelle Wahrnehmung in Bremen, die im Sehen eingeschränkte Kinder und deren Eltern unterstützen. Sie haben uns geraten auf eine einfache, aber kontrastreiche Umgebung für H zu achten. So haben wir etwa eine schwarze Schüssel für seinen weißen Joghurt erworben und Bücher gekauft, die hauptsächlich mit schwarz-weißen Bildern arbeiten.

Mittlerweile hat H die gesamte Farbpalette im Blick. Gehen wir spazieren, zeigt H – davon schrieb ich bereits – gern auf die Dinge dort draußen und lässt sie mich für ihn aussprechen. Baum, Haus, Straße, Kind. Seit kurzem sind es die parkenden Autos, auf die er zeigt. Zuerst habe ich also gefühlte zwanzig Mal „Auto“ gesagt, bis ich irgendwann kapiert habe, was H wollte. Er wollte die Farben der Autos wissen. Sie bieten in der Regel ja auch schön auffällige und unifarbene Farbflächen. Als ich also schwarz zu einem schwarzen Auto sagte, nickte H begeistert und zeigte fix auf das nächste Auto – leider auch schwarz. Seitdem feiern wir übrigens jedes rote und grüne und blaue Auto. Gelbe Modelle gibt es nach unserem Stand am wenigsten.

Farbschema verfestigen mit IKEA

Zuhause sind die Sechser-Sets vom Schweden die Farblehrer: Becher, Schüsseln und Teller in jeweils sechs Farben. H sortiert sie farblich passend zusammen oder sammelt in die grüne Schüssel grüne Perlen, in die blaue Schüssel blaue Perlen und so weiter. Er schüttet die blauen Perlen übrigens auch nur in den blauen Teller oder Becher um. Es geht schließlich um korrektes Farbenspiel – da lässt er sich nicht lumpen.
Er mag es auch, wenn ich (faul) auf dem Sofa sitze und wir ‚Bewirten‘ spielen: „Ach, heut möchte ich so gern aus dem gelben Becher trinken“. Der Kellner H tapert also ins Kinderzimmer und kredenzt mir den gelben Becher. Er freut sich diebisch, wenn ich die Luft daraus schlürfe und sage, wie gut es mir mundet – besonders aus ebendiesem gelben Becher.

Lippenstift, Sonne und „Du hast ’nen Vogel“

H kann die Farben nur über Zeigen auf farbige Gegenstände – wie gesagt  eignen sich Autos  hervorragend – oder über Gebärden ausdrücken. Die Gebärden sind nicht ohne. Weiß: Man wischt mit der flachen Hand vor dem Gesicht nach oben. Schwarz: Ebenso nach unten (schwarz-weiß sieht fast aus wie „Du hast einen Vogel“). Rot ist die einfachste Gebärde: Der ausgestreckte Zeigefinger einer Hand spielt Lippenstift vor den eigenen Lippen. Gelb mimt die Sonne, orange die in der Hand gehaltene und gedrehte Orange. Bei jedem Auto – ok, ich praktiziere die Automobil-Farbenlehre nur über absehbare Strecken – wiederholt sich unser Ritual: H zeigt, ich nenne die Farbe und frage ihn, wie die Gebärde für die Farbe geht. Das klappt schon recht gut, schwarz und weiß verwechselt H gern mal und grau habe ich immer noch nicht nachgeschaut.

„Mama, ich will kein Rosa und Lila mehr anziehen“ sagt M zu meiner aufrichtigen Erleichterung vor kurzem. Gerade hat sie die Lieblingsfarben „hellblau“ und „kirschrot“ (ihre Worte). So differenziert geht H natürlich nicht mit Farben um, aber er ist in der Nähe, als M ihre farblichen Lieblinge nennt. Sofort zückt er den imaginären Lippenstift und trägt ihn genüsslich auf. Auf dieses Lippenstift-Rot bei meinem Jungen bin ich mächtig stolz und er ist es offensichtlich ebenso – so wie er M und mich anstrahlt …

2 Antworten auf „Schwarz, schwarz, silber, grau – Farbenlehre mit Automobilen“

  1. Liebe Nicole
    Es ist 6 Uhr morgens und ich mache mich fertig für den Tag. Der wird heute sehr lange. Um 9 Uhr geht’s los und endet gegen 23:30 Uhr.
    Gerade lese ich deinen Text über die Farbenlehre von H und eure Verständigung darüber. Was soll ich sagen, schon beginnt mein Tag mit einem Lächeln im Gesicht. Du hast so eine wundervolle Art über die Situationen mit H zu schreiben , danke für das Lachen, das du mir damit an diesem Morgen schenkst. Mein Tag fühlt sich auf einmal gar nicht mehr so lange an…
    Danke und machs gut LG dein Hannes

  2. Liebe Nicole,
    wieder einmal ist es dir gelungen (nicht zuletzt durch deine wunderschöne Sprache) die älltäglichen Ereignisse um H & M zu etwas ganz Besonderem zu machen. Damit zauberst du mir schon am frühen Montagmorgen schöne Bilder in mein Kopfkino, warme Gefühle ins Herz und ein Lächen ins Gesicht.. 😊
    Danke dafür..!
    The Oscar goes to…

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