Barrierefreie Berge? Träum weiter!

Wer Urlaub macht, denkt oft in Träumen; stellt sich vor, wie es aussieht am Zielort, wie entspannt es sein wird, wie erholsam, lecker, abenteuerlich – wie auch immer. Wer ein Kind mit Behinderung an Bord hat, muss anders denken: Sind für den Notfall alle Infrastrukturen vorhanden? Ist die Location barrierefrei? Kann mein Kind den Ort handeln? Tja, wir haben eindeutig geträumt, als wir uns für den Urlaub im Schweizer Voralpenland entschieden haben, aber schön war es letztlich trotzdem.

„Rustikales Bauernhaus mit Fernsicht“ – da bleibe ich hängen bei Airbnb. In der Schweiz, kurz vor dem Appenzeller Land und gar nicht so teuer. Volles Kontrastprogramm zu unseren Nordsee-Urlauben der letzten Jahre. Unsere Vermieterin dort hat sich zur Ruhe gesetzt und unsere geliebte Insel-Wohnung ist Knall auf Fall nicht mehr verfügbar. Und dann ist Herbst 2020 und unsere Corona-geplagte Elternseele braucht einen Ausblick. Sie schreit quasi nach der Berghütte mit „Fernsicht“. Alles andere blenden wir aus. Die lange Fahrt führt uns sogar über Stuttgart und wir sehen endlich mal wieder die geliebte Oma väterlicherseits. In unserem Tunnelblick scheint alles rosig und drei Wochen sind schnell gebucht (sonst lohnt es sich ja auch nicht).

Der Bäuerin, die rustikal vermietet, schreibe ich kurz nach der Buchung, dass unser Sohn körperlich und geistig beeinträchtigt ist. Ich will sie testen und mich anhand ihrer Reaktion vergewissern, ob sie offen für einen so besonderen Menschen ist – ist sie. Also bleibt alles wie geplant. Einzig könnten uns noch die Corona-Bestimmungen an der Reise hindern. Tun sie aber nicht und wir kommen Anfang August auf dem Milchhof bei Altstätten an – noch tief beeindruckt davon, wie steil 15 Prozent Steigung sind.

Unsere Hütte – ein Hindernislauf

Die gar nicht rustikale Bäuerin empfängt uns herzlich und bringt uns zum Haus. Unser Gepäck nimmt sie auf einem schneckenlangsamen Transport-Vehikel mit. Vom Hof geht es an Bienenbeuten vorbei, durch ein Wäldchen, über einen Gurgelbach, dann sind wir da. Es ist toll. Alles da, was man braucht und trotzdem gemacht aus vierhundert Jahre altem, knarzenden Holz. Die Türschwellen sind erhabene Holzbohlen, H muss also bei jeder Tür über ein Hindernis steigen. Damit fangen die Barrieren an. Ich spoilere etwas: Hier fällt er nie!

Um das Haus herum sind nur die Terrasse, auf der ein großer Tisch steht, mehr oder weniger waagerecht und die Feuerstelle. Ansonsten ist alles schräg, schief, treppig, rutschig – eben bergig. Es gibt einen Schaukelbaum mit drei Schaukelvarianten, den H und M vom Fleck weg lieben. Bringen die Kinder den Hängesessel ordentlich in Schwung, fliegt er etwas über den Hang hinaus und schwebt an die zwei Meter über dem Gras. Spoiler: H fällt zweimal deftig, weil er seine Schwester nachmacht, die an der Holzstange des Sessels hängend schaukelt.

Wandern nur in enger Umarmung

Jedenfalls muss immer einer von uns Acht geben, auch wenn H nur vor die Türe geht. Aber die eigentliche Herausforderung kommt ja noch, schließlich wollen wir wandern. Uns ist klar, dass wir unser Wanderpensum auf ein Minimum reduzieren müssen. Wir suchen Touren, die im Wanderführer als leicht gekennzeichnet sind, maximal 300 Höhenmeter überwinden und deren Dauer mit etwa 2 Stunden angegeben ist. Aber H hat nicht nur dank schmaler und etwas fehlgestellter Füße einen sehr unsicheren Tritt, er schaut auch nicht auf seinen Weg. Zu spannend ist alles um ihn herum und das konzentrierte Gucken fällt ihm mit starker Sehschwäche und Pendel-Nystagmus sowieso schwer. Gleichsam führen auch die leichten Touren über schlammige Kuhweiden, felsigen Untergrund, rutschiges Geröll und Felsbrocken und über feuchte Wurzeln, die schon mit wachem Blick höllisch glatt sind.

Trotz alledem

H rutscht vielleicht zweimal leicht aus, tut sich aber nichts. Der Grund: Wir begleiten ihn sehr eng. Hauptsächlich mein Liebster nimmt Hanno an die Hand, in den Arm, führt ihn eingehakt oder trägt ihn an den schwierigsten Stellen auf dem Rücken. Wir bringen H an seine Leistungsgrenzen, uns aber auch. Dennoch macht uns vieles glücklich: die Ausblicke von der Bank hinter dem Haus, die wilden Schluchten und glasklaren Tobel, die eindrücklichen Fahrten mit Zahnrad- und Seilbahn, das Wolkengestöber auf dem Hohen Kasten, H’s gutturales Brummen, wenn er die Kühe nachmacht, die ihn so faszinieren. Vor allem aber ist es die innige Zeit als Familie auf der abgeschiedenen Hütte inmitten der erhebenden Natur, die den Urlaub besonders macht. Wenn wir zu viert am Lagerfeuer sitzen, drei singen und einer fordert mit vehementen Gebärden, wir sollen weitersingen, sobald wir pausieren. Diese Momente kennen keine Barrieren …

4 Antworten auf „Barrierefreie Berge? Träum weiter!“

  1. Liebe Nico, ich habe in unseren zwei Österreich-Bergwochen einige Familien mit beeinträchtigten Kindern gesehen, oft Jungs in H.‘s Alter oder etwas älter. Vielleicht haben auch sie viel geträumt vor ihrem Urlaub, aber ich hatte den Eindruck, viele waren nicht das erste Mal in den Bergen. Da muss was dran sein! Liebe Grüße von |~|

    1. Liebe D.,
      guck an. Vielleicht sind es die Familien, die auch schon vorher traditionelle in die Berge gefahren sind?! Oder es ist tatsächlich so, dass das Schöne der Berge dicke ausreicht, um die Anstrengungen wettzumachen. Wer weiß. Im nächsten Jahr werden wir unseren Urlaub jedenfalls erst mal wieder in weiten, sandigen, wässrigen Gefilden platzieren. Mal sehen, ob und wann der Berg uns wieder laut genug ruft …
      Sei herzlich gegrüßt!

  2. Liebe Wredes allesamt
    Mich rührt zutiefst, diese urlaubsgeschichte zu lesen und gleich einen inneren Film betrachten und quasi miterleben zu dürfen. Dank der schönen Beschreibung. Ich glaube H. Hat mit dem schrägen und holperigen Untergrund große Balanceakte in Kauf nehmen und üben können. Das beste, was ihr tun konntet.
    Liebe Grüße
    Gertrud Schneider

    1. Liebe Gertrud Schneider, danke für den wieder so unterstützenden Kommentar. Hanno bewegt sich nach den Bergen tatsächlich etwas sicherer über die norddeutsche Tiefebene. Ein schönes Urlaubsmitbringsel …
      Herzliche Grüße von Nicole

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