Tribut an Corona

Vorab: Wir schicken unsere Kinder nach den Weihnachtsferien gleich wieder zur Schule. Zwar fühle ich mich damit fast eines Verbrechens schuldig, aber wir schaffen es nicht anders. Was wir schaffen: H freitags zu Hause zu betreuen. Ich gestehe hier, wieso wir uns für diese unlockdownige Variante entschieden haben trotz ausgesetzter Schulpflicht …

Wir quälen uns lange mit der Entscheidung, ob wir H und M in die Schule schicken sollen. Die Gründe dafür bekommen wir täglich zu spüren:

Der Traum vom Homeoffice

Wir sind beide berufstätig, jedoch ist Arbeit im Homeoffice mit H quasi unmöglich. Wenn ich texte, brauche ich Ruhe, damit ich überhaupt Zugang zum Thema, eine Idee für den roten Faden und schließlich die dafür besten Worte finde. Mein Liebster begleitet Menschen und hat täglich mindestens zwei längere Zoom-Meetings – auch dafür braucht er seinen Raum. H aber braucht eine fast nahtlose Begleitung, denn allein beschäftigen ist gewaltige Fehlanzeige. Ist er mal irgendwo allein und still, dann ist das meist kein gutes Zeichen, sondern in der Regel ein Warnsignal: Nimmt er liebevoll ein Buch auseinander? Lutscht er hingebungsvoll eine Buntstiftmiene? Experimentiert er mit dem Wasser aus der Blumenvase? In solchen Fällen ist er mucksmäuschenstill. Ja, was H angeht, bin ich bekennende Helikopter-Mutter und kein Helikopter schreibt gute Texte – so gern ich es auch wollte.

Ortswechsel als Leitplanken

H braucht Struktur: Wenn ich mit M morgens berede, was für den Tag geplant ist, merkt sie sich das nicht im Geringsten. Ist es dann aber soweit, und ich gebe ihr ein Stichwort, was ansteht, erinnert sie sich und lässt sich darauf ein. Klar auch mal mit Murren. H jedoch hängt extremst an der Situation, in der er gerade steckt. Er will sie eigentlich nie verlassen, außer sein Roller oder ein Spiel lockt. Ihn ohne Struktur durch den Tag und dessen Aufgaben zu bringen, ist eine echte Herkules-Aufgabe: Man muss ihn zu jedem Schritt explizit anhalten und sogar auf mehr oder weniger metaphorische Art mitreißen. Die Schule und der Hort sind für H feste Größen in einem Alltag, den er versteht. Allein die beiden Orte samt den jeweiligen sozialen Systemen motivieren ihn merklich und geben ihm Sicherheit.

Kopierte Zettel sind doch wohl zum Kritzeln da!

H braucht Förderung: Wenn er Aufgabenzettel am Esstisch erledigen muss, ist das wiederum für H eine Herkulesaufgabe. Nicht das Zu-Papier-Bringen von etwas. Er kann erwiesenermaßen einen ganzen Zettelstapel in kürzester Zeit kreativ colorieren. Sich auf die Aufgabe einzulassen und sie nach seinen Möglichkeiten zu bearbeiten, sich für einen gewissen Zeitraum darauf zu konzentrieren – das ist richtig Arbeit für H. Er lässt sich ablenken von jedem Rascheln, Vogelzwitschern und zufälligen Anstupsen. Manchmal atme ich kaum, wenn er gerade einen Run hat und sich mehr als eine Minute konzentriert mit einer Aufgabe befasst. Definitiv ist das zettelllastige Homeschooling keine Lernform, die ihn weiterbringt. Von einer anderen sonderpädagogischen Herangehensweise ist die Schule leider weit entfernt.

Auch das ist Inklusion: Gleichbehandlung der nicht-behinderten Schwester

M zu Hause zu lassen, während H zur Schule geht, ist kaum zu rechtfertigen. M hat große Sehnsucht nach der Schule. Also habe ich beide Klassenlehrerinnen mit meinem Anliegen kontaktiert. Beide Kinder werden ohne Zögern willkommen geheißen. Das ist für uns das Zünglein an der Waage.
H’s Klassenlehrerin ist dennoch dankbar für unseren Vorschlag, ihn nur für vier Tage in die Schule zu geben. Der Grund: Es gibt immer wieder Engpässe in der Betreuung der inklusiven Kinder, von denen übrigens bezeichnenderweise viele schon wieder im Präsenzunterricht zu finden sind.

Übelkeit dank des Schonraums

Den ersten freien Freitag meistern wir gut, also eher meistert ihn mein Liebster: Ich gehe in meine Klause, um zu texten. Abends aber zerbröselt H. Ihm ist schlecht. Er würgt. Er ist weinerlich. Er, der sowieso nur mit einer Hand, die seine sicher hält, einschläft, kommt gar nicht zur Ruhe. Er wiederholt ohn Unterlass und dazu leidend sein Lieblings-„Mama“. Er gebärdert „Schule“.
Was soll ich sagen: Vielleicht hat er beim nachmittäglichen Badevergnügen zu viel Wasser mit Seifenschaum geschluckt. Vielleicht hat er abends zu vieles – und das wie so oft zu wenig zerkaut – gegessen. Vielleicht aber ist ihm der Schulfrei-Tag auch auf den Magen geschlagen. Und wieder einmal wünschte ich mir einen Babelfisch her, der mir Hannos Sprache, die leider großteilig in seinem Kopf festhängt, zugänglich macht. Dann hätte ich ihn gefragt, wieso ihm schlecht ist und noch eine Million anderer Dinge. Gut, geschlafen hätte er dann auch nicht schneller. Es gebe viel zu bereden …

Eine Antwort auf „Tribut an Corona“

  1. Wieso Verbrechen? Famlie besteht aus ALLEN Mitgliedern, und Bedürfnissen! Und Stichwort Inklusion: ist als gesellschaftliche Sollbruchstelle ungleich mehr betroffen von diesem Virus als der grosse neuronal- oder sonstwie typische Rest… Corona multipliziert alles, was vorher schon schwierig war. Dieser spezielle Corona-Kontext ist eher unterreportiert. Bei wie vielen (?) Famlien ist seit bald 1 Jahr nichts mehr so wie es früher war. Gruselig, oder? Wann ist dieses Virus erledigt.

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