Kinder im Wohnzimmer ~ Wohnen im Kinderzimmer

Mit einem behinderten Kind wird Erziehung gänzlich relativ. Vielleicht ist es nur eine Entschuldigung, dass uns Klarheit und Ausdauer fehlen. Aber es ist wirklich nicht ohne, zweihundert Mal am Tag eine Regel einzufordern, um am nächsten Tag zu merken, der Reiz des Verbotenen siegt wieder über die elterlichen Worte. Fast so ist es auch mit der Regel: Das Wohnzimmer ist für die Eltern da, das Kinderzimmer für die Kinder.

Ja, so sieht unser Idealbild aus: Oben rummst und knallt es ab und an. Es laufen intelligenzbeleidigende Hörpiele wie Feuerwehrmann Sam weit weg und vor allem unverständlich. Mal ein kleines oder größeres Gezanke, aber das Wichtigste: Die Kinderzimmertür ist verschlossen. Dahinter befinden sich die Kinder.

Unten der Duft eines frisch aufgebrühten Espressos. Ich auf dem Sofa, mein Liebster im Sessel. Ich vielleicht am Handy, er vielleicht mit einem Buch. Von mir aus auch ein Ruf zwischendurch: „Mama, H hat in die Hose gemacht“. Wir Eltern losen die Windel-Verantwortung per Schick-Schnack-Schnuck aus. Ist die Pflicht getan wieder diese entspannende horizontale Trennung: oben die Kinder unten wir.

Pustekuchen. Das Wohnzimmer ist der Lebensraum für die ganze Familie. Immer. H & M sind gern mit uns hier und wir haben aufgegeben, daran etwas zu ändern. Ich höre eure Gedanken: „Aber sowas kann man doch ritualisieren.“ „Aber da muss man doch nur genügend Anreize schaffen im Kinderzimmer“. Alle Arten von Aber stimmen. Mein Gegen-Aber lautet: Das ist noch viel anstrengender als zu viert im Wohnzimmer zu kindern, äh zu leben.

Ordne ich die Kompatibilität der Kinder-Aktivitäten mit den Bedürfnissen von uns eher gestressten Eltern auf einer Skala von 1 bis 10 ein, bekommt M eine durchschnittliche 6. Toll ist, wenn sie Comics anschaut. Manchmal gibt es eine Wortfrage, aber meist ist es still. Problematischer wird es, wenn sie ihre Plylist über mein Handy hören will. Die entspricht nicht wirklich meinem Musik-Geschmack. Auf der Skala jäh nach unten sackt es, wenn sie dazu noch tanzt oder turnt oder mit H durch unsere Runde jagt (Wohnzimmer, Flur, Küche, Esszimmer, Wohnzimmer usw. usf.).

H bekommt auf dieser Skala maximal eine 2. Er braucht entweder Bespaßung oder sucht sich seinen Spaß durch Aktionen, die mich unterschiedlich panisch vom Sofa aufspringen lassen:

  • Den kleinen Sofatisch als Stufe nutzen, auf die – zum Glück tiefe – Fensterbank klettern, stehend nach dem Vorhang angeln
  • Ein an einer fast unsichtbaren Stelle eingerissenes Buch langsam und in sehr kleine Stücke weiter zerreißen
  • Den Talker (iPad, das er für die Kommunkation nutzen soll) aus seiner Schultasche im Flur holen und damit 180 Fotos und 23 Videos von der spannenden Stoff-Struktur des Sofas aufnehmen
  • Ebenfalls aus dem Schulranzen das Etui, daraus dann die Filzer nehmen und die eintönige Holzfärbung des Esstisches nachcolorieren
  • Sich mit dem ganzen Körper an eine der unteren Schranktüren der sehr alten Vitrine hängen und hin und her schwingen
  • Einen Esszimmerstuhl durch besagte Runde schieben – wenn er zwischenduch ein paar Male umfällt, umso erfreulicher
  • Unseren kleinen Salzstreuer in die Apfelschorle werfen, wieder rausangeln, wieder reinwerfen
  • Mit dem Ting-Stift immer wieder eine Fehlermeldung auslösen, um das schräge Geräusch wie ein Mantra zu genießen

Solche und ähnliche Ideen werden natürlich auch im Kinderzimmer umgesetzt. Vor ein paar Jahren habe ich das Zimmer eines behinderten zwölfjährigen Jungen gesehen: Es sah verwüstet aus. Licht spendete nur eine Deckenleuchte, die meisten Dinge waren lädiert. Damals war ich irrtiert, heute glaube ich zu verstehen, wie es dazu kommt. Noch will ich dem etwas entgegensetzen. Noch springe ich lieber vom Sofa auf, bevor sich mir die Ergebnisse von H’s Erfindungsreichtums in ihrer endgültigen Schönheit offenbaren …

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