Die Todesklappe – oder: Lässt sich der Tod mit Händen erfragen?

Meine Mutter stirbt im Frühjahr. Mein Liebster, H, M und ich fahren einen Tag, bevor sie stirbt, in meine Sauerländer Heimat. Meine Kinder erleben mich aufgelöst und ein Ommi-Zuhause ohne Ommi. M fragt, fragt, fragt. H lernt eine neue Gebärde – zumindest kurzzeitig …

Ein Wochenende bei Ommi – das erwartet H sicher trotz unserer Erklärungen. Was sagen wir den Kindern nicht alles? Ich weiß es nicht mehr. Sicher, dass meine Mutter im Krankenhaus liegt, dass es ihr sehr schlecht geht, dass sie vielleicht nicht mehr zurückkommen wird – ach und zig andere Dinge. Keine Ahnung, wie man einen akut bevorstehenden Tod pädagogisch und dann noch inklusiv – also möglichst einfach – erklären soll. Sowieso hören H und M auf der Fahrt Telefonate mit an, die nichts beschönigen, weil dringend etwas geklärt werden muss.

Jedenfalls fahre ich direkt ins Krankenhaus und komme erst spät nachts in das Heim meiner Kindheit zurück. Da schlafen nun meine Kinder.  Meine Mutter ist, obwohl es zwischendurch immer mal wieder so aussah, nicht gestorben und ich kann um drei Uhr nachts einfach nicht mehr.

Schlafende Kinder vom Flur aus betrachtet

Natürlich schleiche ich in das provisorisch hergerichtete Kinderschlafzimmer. Im Schein des Flurlichts sehe ich die augenscheinlich schlafwarmen, traumentrückten Gesichter der Beiden. Neben meinen Gefühlen, dass ich nun bald nie mehr in die Tochterrolle zurückkönne, auch nicht mal kurz am Telefon, überwältigt mich noch ein starkes Gefühl: Wie erkläre ich meinem kleinen Jungen das unwiederbringliche Verschwinden einer Person aus seinem Leben?

Ich stehe also nachts um halb vier dort im Flur meiner sterbenden Mutter und gebe in das Suchfeld meiner GuK-App ein: S-T-E-R-B-E-N. Eine, vertikal nach oben gestreckte, Hand fällt auf die andere, horizontal ausgestreckte, Hand. Der Sargdeckel fällt runter. Die Augen schließen sich. Ein Körper kippt wie ein Baumstamm zu Boden. Das passt. So viel Tod in einer einzigen Gebärde. Da nachts im Flur erscheint mir die Gebärdensprache grausam. Nix mit sanft entschlafen. Nix mit in den Tod begleiten. Nix mit Seele verlässt den Körper. Einfach Klappe zu!

Viele Fragen hinter einer Gebärde oder alles Hirngespinnste?

Unruhiger Schlaf, um halb sieben ein Mädchen, das unter meine Bettdecke kriecht: „Mama, ist Ommi heute Nacht gestorben?“ Ein Dialog voll drängender Fragen und versuchter Antworten entspinnt sich. Fragen nach Intensivstationen, nach Herz-Operationen, nach meinem Vater, der Jahre zuvor im selben Krankenhaus gestorben ist.

Auftritt H: Offener Mund (gut, das ist oft der Fall, in dem Moment sieht es aber fassungslos aus) und die Hand über einen imaginären Dutt auf dem Kopf gestülpt – die Gebärde für Oma. Dieselben Erklärungen, keine Nachfragen. Ich spreche immer weiter, bis H die Gebärde für Brötchen zeigt. Mein pragmatisch denkender Junge. Ich ziehe mich an, telefoniere mit der Intensivstation, wo sich nichts geändert hat, und hole Brötchen. Wir frühstücken. Kein Wort über Ommi. M wirft mir auffällg oft ein Luftküsschen zu. H genießt sein Frühstück mit Brummen. Dann geht alles schnell. Anruf des Krankenhauses, die Kinder zu unseren tollen Nachbarn, mein Liebster und ich in die Klinik. Meine Mutter stirbt eine viertel Stunde, nachdem wir an ihrem Bett eintreffen.

Natürlich weine ich. Viel weine ich. Die Kinder sind maßlos irritiert, dass eine Mutter so voller Tränen stecken kann. M tröstet mich und fragt wieder ihre vielen Fragen, die sie gezwungen ist zu denken. H sitzt auf meinem Schoß. Die Spucke zieht ein dünnes Fädchen vom Mund bis zum Halstuch, so versunken ist er. Oder hört er gebannt zu, was M und ich reden? Zwischendurch ist er ganz aufgeregt und fuchtelt mit den Armen. Ist ja auch zum Armefuchteln, das alles.

Wie weit ist das Feld?

Wenn es an ein emotionales Thema geht – und alle großen Themen sind  emotional -, kann ich die Gebärden für ‚traurig‘, für ‚böse‘, für ‚ängstlich‘ und ‚fröhlich‘ beisteuern, aber wie erkläre ich, was dahintersteckt?

M versteht an diesem Tag, dass Eltern auch Kinder sind, und dass sie manchmal klein sein dürfen. Sie sagt, ich könne auch zu ihr kommen, wenn ich mal Kind sein wolle. Dafür bräuchte ich Ommi nicht. In dieser kindlich genialen Weisheit verarbeitet sie das Sterben der Mutter ihrer Mutter.

Ob bei H überhaupt ankommt, dass Ommi meine Mutter ist, kann ich nicht sicher beantworten. Sein Blick sagt mir manchmal, dass er die großen menschlichen Themen sowieso versteht. Dann, wenn er aussieht wie Meister Yoda. Manchmal sagt mir sein Blick aber auch, dass er in eine viel kleinere Welt schaut. In der gibt es Mama und Papa, Affen und Ommis, Brötchen und Duschen, Autos und Farben. Alles andere nebelt vorbei.

Die Gebärde für ‚Sterben‘ hat H nur ganz selten genutzt: auf der Trauerfeier nochmals und im FriedWald. Reicht doch auch. Konzentrieren auf das Leben wir uns sollten – ganz mein Yoda eben …

6 Antworten auf „Die Todesklappe – oder: Lässt sich der Tod mit Händen erfragen?“

  1. Liebe Nicole Wrede
    Es berührt mich zutiefst den Blog zu lesen. Es berührt direkt, vorstellbar und tief. Durch die Beschreibung bin ich sofort im Bilde.
    Eine Schriftstellerin könnte verloren gehen ohne den Blog.
    Welch ein kindlicher Beistand beim Abschiednehmen. Ich bin ganz ergriffen von Ms Angebot und Hs Realitätssinn.
    Liebe Grüße
    Gertrud Schneider

  2. Der Kontrast in der Reaktion der beiden geht unter die Haut. Toll dass sie da sind. Mein Grosser (Autist, da war er 5 J.) hat ins Grab von Opa hinein gewunken und Tschüss gerufen. Niemals werde ich das vergessen.

    1. Das klingt irgendwie auch pragmatisch und doch so herzlich. Schön, wenn diese besonderen Kinder so besondere Momente schaffen, die einen irgendwie wieder einnorden oder einfangen oder einholen. Ich weiß nicht – die einen jedenfalls prägen.
      Danke für das Bild deines Großen an Opas Grab!
      Neugierig frag ich: Wie alt ist er jetzt?

      1. Deine Frage habe ich erst jetzt gesehen, Entschuldigung. Der Grosse ist jetzt 14. Und erinnert sich nur verschwommen an den Tod von Opa. Besser erinnert er sich an einen isländischen Vulkan mit einem unausprechlichen Namen, der Aschewolken ausspuckte (Sommer 2010) und dem unsere geplante Rückreise in die USA so unvermutet zum Opfer fiel… nur deswegen erlebten wir nicht nur den Tod von Opa in Deutschland. Sondern passenderweise auch die Beerdigung. Sonst hätten wir in den USA festgehangen. Flugverkehr war ja zusammengebrochen. Schicksalhafte Tage!

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