Über die Exklusivität von Pommes

Der Alltag im Kindergarten ist derzeit anders. Er ist geprägt vom Einsammeln tanzbarer Lieblingslieder, vom Basteln bunter Girlanden und einer rascheligen Kinder-Unruhe. Fasching kommt. Klar, dass M von jenem Dienstag träumt, an dem sie ihrer Gruppe als Prinzessin gegenübertritt. Und sie träumt von einem weiteren Tag: dem bald angesetzen Pommestag. Die Vorfreude auf beides entlädt sich in zahllosen Erzähl-Variationen darüber, was genau passieren wird, wenn es endlich so weit ist.Was Fasching für Fünfjährige bedeutet, dürfte allen klar sein – haben wir ja fast alle mitgemacht, oder? Für M geht es auch ums Verkleiden, logisch, aber es geht genauso um die Süßigkeiten, das gemeinsame Tanzen und darum, dass die ganze Kita „jeck“ ist. Da ist nichts wie sonst. Kinderparty pur und darauf freut sich meine wilde Prinzessin immens!

Was aber ist ein Pommestag? Das ist eine Erfindung von M und mir. Rein technisch betrachtet, handelt es sich um dreieinhalb Stunden, die M exklusiv mit mir, ihrer Mutter, hat. Und es gibt Pommes. Emotional jedoch ist es mindestens Oz, wenn nicht sogar das Schlaraffenland.

Ein einprägsames Ritual

Auch wenn wir den Pommestag de facto erst sechs oder sieben Mal begangen haben, so ist er für M eine bombenfeste Größe in unserer Mutter-Tochter-Beziehung. Wie wichtig er ist, zeigt sich darin, dass er im Kinder-Hirn nicht verlorengeht– was sonst durchaus bei vielen Dingen vorkommt.

Ich hole M vor dem Mittagessen um halb zwölf aus dem Kindergarten ab und wir fahren nach Hause. Wir schieben Pommes in den Ofen, gucken, ob noch Eis zum Nachtisch da ist, und malen oder lesen schon mal was. Sind Pommes und Eis verspeist, kuscheln wir uns aufs Sofa und reden, kitzeln, gucken in den Himmel. So widerspenstig M und ich oft sind, am Pommestag passieren einfach keine Streits. Dazu ist er zu kostbar. Ehrlich gesagt auch für mich!

Co-behindert oder übersozial

Geschwisterkindern von Behinderten wird vieles angedichtet. Oft höre ich „Klar, dass M so fürsorglich ist. Sie kennt das ja von H.“ Einig ist sich die Forschung da aber keineswegs. Es gibt verschiedene Thesen und alle sind mal bestätigt, mal wiederlegt.

Diese drei sind recht prominent:

  1. Brüder und Schwestern von behinderten Kindern – insbesondere bei Zwillingen – trauen sich nicht, sich ‚normal‘ zu entwickeln. Das Überholen wirkt bedrohlich und macht ein schlechtes Gewissen. Außerdem erfahren die Geschwisterkinder ja, dass es mehr Zuwendung gibt, wenn man sich nicht so gut entwickelt. Also treten sie lieber auf die Bremse.
  2. Die Kinder mit behinderten Geschwistern sind überangepasst. Sie nehmen zu viel Rücksicht, befolgen Bitten sofort und ohne Murren, sind freundlich und zugewandt, wissen schnell, was andere wollen. Ärger wird runtergeschluckt. Das kennen die Kinder von ihrem Ärger, den sie – ganz berechtigter Weise – schon mal gegenüber dem behinderten Geschwisterkind empfinden. Den darf man auch irgendwie nicht richtig ausdrücken – schließlich ist das unfair dem Behinderten gegenüber und die Eltern wollen das auch nicht.
  3. Wer einen behinderten Bruder oder eine behinderte Schwester hat, fühlt sich überfordert und neigt damit zu Verhaltensauffälligkeiten. Die gesunden Kinder müssen vieles allein machen, weil das behinderte Kind die ganze Aufmerksamkeit oder einfach die zur Verfügung stehende elterliche Zeit und Kraft frisst. Auch die Diskrepanz zwischen dem akzeptierenden Umgang mit der Behinderung innerhalb der Familie und dem irritierten Umgang damit außerhalb überfordert Kinder durchaus.

Wer mehr dazu lesen will – dieser Artikel liefert einen guten Überblick über den Stand der Forschung.

Exklusivzeit als Urlaubsinsel

Damit ein Geschwisterkind sich entfalten kann und will, werden verschiedene Bedingungen benannt. Dazu gehören:

  • positive Grundstimmung in der Familie
  • offene Kommunikation (auch über die manchmal ganz schön frustrierende Behinderung der Schwester oder des Bruders)
  • ein aktives und als unterstützend erlebtes soziales Netzwerk
  • differenzierte elterliche Zuwendung (die gibt es bei uns am Pommestag in Reinform)

Für den Pommestag gibt es keine Gebärde, obschon er so wichtig ist für unsere Familie. Aber er gehört eben M und mir. H hat damit nichts zu tun. Hier wollen wir ausnahmsweise mal überhaupt keine Inklusion. Ich glaube, genau deshalb können wir sie an anderer Stelle auch wieder genießen. Nur dann eben ohne Mayo und Ketchup …

 

 

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