Sonntagsbrunch mit Rollenkonflikt

Hörgeräte, dicke Brillen, Orthesen und Sabbertücher sind beim Eltern-Brunch der Lebenshilfe keine Seltenheit. Hier treffen sich in größeren, aber regelmäßigen Abständen die Eltern von behinderten Kindern – quer durch alle Milieus und Interessen. Das Verbindende ist eben die Tatsache, ein augenfällig besonderes Kind bekommen zu haben. Die meisten als leibliches, manche als Pflegekind.Erst war es für mich abwegig, sich wegen dieses einen Grundes zum gemeinsamen Brunchen zu treffen. Einem Grund, der sich irgendwie künstlich anfühlte. Mittlerweile schätze ich diese Sonntagsmorgen-Treffen sehr. Was hat sich verändert?

Als wir die erste Einladung zum Eltern-Brunch erhielten, waren H & M knapp drei Jahre alt. Ich war so gerade eben und noch ziemlich wackelig in meiner Mutterrolle angekommen. Ich zähle mich nicht zu den Frauen, die sagen, dass sie sich mit heutigem Wissen gegen ihre Mutterschaft entschieden hätten. Dennoch spricht die Studie der israelischen Soziologin Orna Donath etwas in mir an. Ich kann #regretting motherhood absolut nachvollziehen und bin froh, dass diese Debatte lebt.

Extremsport: Rollen-Hopping

Ich empfinde das Rollen-Hopping als extreme, manchmal schier unrealisierbare Herausforderung: mich zwischen doppelter sowie Behinderten-Mutter einerseits und kreativer Solo-Unternehmerin andererseits zu positionieren. Und auch die vielen anderen Rollen nicht gänzlich verkümmern zu lassen, ja. Aber die Arbeits- und die Mutterrolle waren die existenziellen Rollen. Die, die ich in jedem Fall parallel zu erfüllen hatte.

Diese Unvereinbarkeit spüre ich weiterhin. Auch wenn ich die beiden Hüte mittlerweile schon länger auf einem Kopf trage und ich zum Beispiel mit diesem Blog verbindende Elemente geschaffen habe. Damals, vor zwei Jahren, war dieser Rollenkonflikt jedoch tobsüchtig.

Das erkläre ich mir auch mit meiner späten Mutterschaft. Ich war 40 Jahre, als die Kinder zur Welt kamen. Bis dahin hatte ich viel Lebensqualität aus Input und Output, Zielen und Eifer gezogen. Meine Antreiber sind definitiv „Mach schnell und sei stark!“

Umparken im Kopf

Dieser Antrieb funktionierte in meiner Mutterrolle – zum Glück – nicht. Klar kann ich mich als Mutter – vor allem eines behinderten Kindes – engagieren. Aber meine Ehrenamts-Ressourcen waren bereits weit vor der Schwangerschaft vergeben. Und das Mutter-Engagement für meine Kinder musste ich erst mühsam lernen. Es ging auf einmal um Geduld statt Ansporn, um Dasein statt Weiterlaufen, um Herzlichkeit statt Argumente. Mit H gilt all das mal wieder doppelt und dreifach. Er leistet nichts, was üblich ist. Damit lehrt er mich den Blick auf das Sein, statt auf die Ergebnisse zu richten. Anfangs wollte ich jedoch überhaupt nicht in diese Richtung blicken, denn ich hatte mich ja mit meinen Mustern eingerichtet.

Jeder Monat war eine Lektion in Sachen Kurskorrektur. Ich bin deshalb keine andere geworden, aber ich versuche mein Muttersein nicht mehr mit den alten Zollstöcken zu messen . Das gelingt mir mitnichten immer, aber ich schaffe es in Teilen. Zum Beispiel darin, dass ich ein behindertes Kind sehr wohl als Grund anerkenne, um sich nur deshalb zum Brunchen zu treffen. Es ist keine Schande, dass ich mich mit der Rolle, in die mich H bringt, immens viel beschäftige. Latent eigentlich immer – jetzt auch ganz offensiv sonntagsvormittags beim Brunchen …

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