Der lange Weg ins Land der Träume

Der Idealfall: Es war ein guter Tag – Schreien, Weinen und andere familiäre Katastrophen hielten sich in Grenzen, es gab was zu lachen und zu reden. Und abends schlafen die Kinder binnen zehn Minuten ein.

Auch wenn es die guten Tage öfters gibt, sieht der Normalfall beim Zubettbringen anders aus. Abends um sieben beginnt die Tag-adé-Phase. Umziehen (H&M), Wickeln (H), Waschen und Zähneputzen (H&M). Dann auf‘s Sofa und Gute-Nacht-Geschichte vorlesen. Im Moment ist das „Petronella Apfelmus“ – gefällt M und uns Eltern sehr gut. H findet, das Vorlesen von mehr als fünf Wörtern wird überbewertet, und schaut sich parallel ein Buch voller Bilder an.

Doppelbett statt Kletterpark

Dann ins Bett. Zu Weihnachten hatten wir H&M ein tolles Hochbett geschenkt. Ein Bett unten (H) und im rechten Winkel darüber das zweite Bett (M). Das war eine gern gesehene Ablöse für die Babybetten. Es wurde drauf getobt, exploriert und Körperliches erprobt. Einziges Problem: Die Kinder schliefen schlechter als zuvor. Das Zubettbringen war ebenfalls schwierig, weil die Zwillinge beide körperliche Nähe suchen – am besten eine haltende Hand.

Also haben wir im Frühsommer die spielerischen und ästhetischen Vorteile des Hochbetts dem Pragmatismus geopfert. Das obere Bett kam nach unten. Seitdem steht dort ein klassisches Doppelbett. M schläft außen, H an der Wand. In der Mitte sitzen entweder ich, mein Mann oder eine der zwei Kindersitterinnen. Seit über vier Jahren singen wir hintereinander zwei Lieder: „Guter Mond“ und das Schlaflied von Frederic Vahle.

Einschlafen mit Hindernissen

M hält selten länger als bis zur letzten Strophe durch mit dem Wachbleiben. Auch dann, wenn sie drei Minuten vorher noch vehement behauptet hat, sie könne gar nicht schlafen, weil …
… heute alles so aufregend war,
… morgen Besuch kommt oder
… sie im Kindergarten das nächste Tageskind ist oder, oder, oder

H hat so seine Probleme mit Übergängen – auch mit dem Loslassen des Tages. Er hat ein ausgebufftes Repertoire an Strategien, um sich wachzuhalten. Er …
… klopft mit der Hand gegen die Holzumrandung des Bettes.
… kratzt mit seinen Fingernägeln beharrlich an der Innenseite meiner seine Hand haltenden Hand (bei mir sehr beliebt).
… schnaubt und macht andere Atemübungen.
… nestelt mit seinen Fingern in seinen Haaren, Ohren, Augen oder im Mund herum.

Selbst, wenn er schon auf dem Weg hinab ins Unterbewusste ist, zuckt er – nicht besorgniserregend krampfartig, aber eben so doll, dass er durchaus davon wieder wach wird. Und selbst, wenn es ganz still ist auf seiner Seite, selbst wenn es schon länger ganz still ist, kommt sofort wieder Leben in die Bude, sobald ich mich bewege. Ich sag‘s ja: ausgebufft.

Und die Moral von der Geschicht?

So verbringen wir mit der Begleitung von H in seinen Schlaf öfters mal ein Stündchen. An schlechten Tagen braucht er sogar bis zehn oder elf, um endlich Eingang ins Land der Träume zu finden. Dann empfinde ich eine bunte Mischung aus Mitleid, Genervtheit, Verzweiflung und Entspannung. Ich versuche nicht an das zu denken, was ich mir vom Abend versprochen hatte. Das ist die von H verordnete Kontemplation. Und könnte ich mich restlos darauf einlassen, täte sie meinem hibbelmorsigen Wesen sogar ziemlich gut – davon bin ich überzeugt. Nun, ich arbeite daran …

3 Antworten auf „Der lange Weg ins Land der Träume“

  1. Hallo liebe Nicole,

    ich bin vor ein paar Tagen auf deinen Blog gekommen und lese mich nun kreuz und quer durch deine Texte.
    Und oft muss ich lächeln, weil H und mein kleinster Sohn (mit einer ganz anderen Diagnose) im Kleinen viele Gemeinsamkeiten haben. Mal ist es das abendliche Kratzen mit den Fingernägeln in meiner Hand, mal die Vorliebe für das Innere vom Brötchen und die Abneigung gegen „normale“ Süßigkeiten oder den „hmm“-Ton wenn er zufrieden ist.

    Du beschreibst viele Situationen die ich so oder ähnlich auch erlebt habe und findest die richtigen Worte dafür!
    Also, vielen Dank für diese Texte und herzliche Grüße!

    1. Liebe Lisa, es ist schön zu hören, dass du deinen Kleinsten und dessen Besonderheiten in meinen Berichten über H wiederentdeckst.
      Ich hoffe, ihr kommt ganz gut klar mit Fingernägel-Kratzen und Co.
      Ist ja nicht immer so lustig, wie man es im Nachhinein beschreiben kann …
      Alles Gute erst mal für dich und euren inklusiven Alltag!

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