Deckbette und Mama – zweierlei Kommunikation

Für M haben wir eine Gebärde gefunden: eine Hand, die sich wie ein Schnabel öffnet und schließt. Die Gebärde hat sie nicht von ungefähr. Angefangen mit „Nane“ für „Banane“ oder „au“ für „raus“ ging es schnell über zum neugierigen „Matu?“, also „Was machst du? und dann zur „Deckbette“. Die erklärt sich wohl von selbst.

Heute ist M ein wortgewandtes Mädchen, das den Cito Sprachtest locker über die Bühne bringt, mit Freude tausend Liedtexte lernt, und Begründungen aus dem Hut zaubert, die rührend sowie beeindruckend sind. Gut, das sage ich als ihre Mutter …
Was ich aber meine: M hat sich die Sprache zu eigen gemacht und kann so jede Stimmung, jeden Geschmack, jedes Erlebnis mit ihren Worten verarbeiten. Hat sie keinen treffenden Ausdruck parat, dann umschreibt sie ihn wie selbstverständlich.

Die meisten Forschungen zur Sprachentwicklung sehen mit fünf Jahren die vorletzte, teilweise sogar schon die letzte Phase erreicht:

„Mit ca. 5 Jahren ist die Sprachentwicklung des Kindes im Groben abgeschlossen. Das Kind kennt Ober- und Unterbegriffe, verschiedene Namen für einen Gegenstand, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft.“

Wie entwickelt sich die Sprache von H?

Mensch, was haben wir uns gefreut und Großes gehofft, als H „Momo“ und „Bababa“ plapperte. Da war er knapp zwei Jahre alt. Doch genauso plötzlich, wie die Silbenlaute aus seinem Mund kamen, verschwanden sie auch wieder – und zwar komplett.

Ein einzelnes Wort und viele Gebärden

Seitdem er vier Jahre alt ist, sagt H ein Wort. Genau eines. Aber was für eines. „Mama“ sagt er, mit Inbrunst meist – glücklich, fordernd, aufgeregt. Manchmal schaudert mich bei der Energie, die H in dieses eine ihm zur Verfügung stehende Wort zu legen vermag. „Mama“ bin nicht nur ich. Auch Papa ist „Mama“, aber mein „Mama“, glaubt mir, das ist eine verbale Offenbarung!

Seit Sommer 2016 nutzen wir GuK-Gebärden. Erst nur ein paar wenige: „Mama“, Papa“, „Essen“ …
Mittlerweile – ich habe gezählt – hat H um die sechzig Gebärden auf dem Kasten. Wenn ich das so schreibe, bin ich mächtig stolz auf H, aber auch auf uns. Wir Eltern haben uns immer wieder gegenseitig in die Pflicht genommen, das, was wir zu H sagen, mit Gebärden zu visualisieren.  Und selbst immer neue Gebärden zu lernen, damit wir sie H überhaupt beibringen können.

Die erste Gebärde

Ich weiß noch wie heute, als H seine erste Gebärde gezielt benutzte. Ich war mit ihm bei einer Castillo Morales-Intensivtherapiewoche beim CAMOC in Mühlheim.  Er war viereinhalb Jahre alt. Gewohnt haben wir in einer Ferienwohnung mit großem Spiegel hinter’m Esstisch. H hat sich beim Essen immer zugeschaut. Einmal merkte ich, dass er hoch konzentriert war – ihm lief ein Teil des gerade gegessenen Joghurts aus dem Mund. Zwar fixierte er irgendetwas im Spiegel, aber nicht wie üblich sein Gesicht. Also beobachtete ich ihn im Spiegel und da hoben sich ganz langsam, fast majestätisch, seine beiden Arme und streckten sich gerade nach links und rechts. In dem Moment hörte ich ihn auch: Flugzeuglärm. Deshalb hatte H die Flugzeug-Gebärde gemacht. Ich habe gefühlte fünfzig Mal „toll“ gerufen, den Daumen immer wieder nach oben gereckt, und meinen grinsenden Jungen wild geherzt.

Heute schafft H es manchmal, mit zwei, drei Gebärden auszudrücken, was er machen oder essen will. Stimmungen oder Erlebnisse zu schildern ist noch ganz leise Zukunftsmusik. Aber wer weiß …

Eine Antwort auf „Deckbette und Mama – zweierlei Kommunikation“

  1. Und wie wunderbar, dass H sich in seinem Rahmen mitteilen kann. Welch ein Gewinn für euch alle. Und auch die (vereinfachte) Chance für andere und mit ihnen zu kommunizieren.
    Danke für diesen Gänsehaut-Text.

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